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Phantastische Flucht

 

Vorwort: Was wäre die Welt ohne Phantasie? Geordnet und endlich vernünftig, würden die einen sagen. Andere würden argumentieren, die Welt ohne dieses mentale, liebenswürdige Chaos, reduziere den Mensch zu einem bloßen Roboter, einer programmierbaren Grundstruktur. Endlich simulierbar, mit eingegrenzten Möglichkeiten. Keine spontanen Aktionen. Nur die entgültige REALITÄT. Eine Welt ohne Lügen. Eine Welt ohne Sinn. Jedoch, eine reine Phantasiewelt? Absolutes Chaos. Kein Haltepunkt. Es war wie in allen realistischen Dramen - die Bösewichte hatten eine notwendige und irgendwie nachvollziehbare Seite - die Helden hatten kleine Macken, die einen stutzen ließen.

Realität, zwischen zwei Extremen. Manchmal begab es sich, dass verschiedene Realitäten aufeinander prallten und eine kleine Unordnung im Leben der Beteiligten auftrat. Kleine Strudel im ganz normalen Wirrwarr, eigentlich irrelevant - von ganz oben betrachtet. Aber wehe, ein Blick von der menschlichen Ebene rutschte aus und geriet in einen solchen Zusammenprall - sein Besitzer wurde unweigerlich hineingezogen und nicht selten zwischen den beharrlich weitermahlenden Mühlen der Zeit, die sich keinen Fehler erlauben durften, zerrieben - irrelevant, von außen betrachtet. Von einem Satelliten aus die Erde sehen - herrlich. Eine blaue, friedliche Kugel mit blütenweiß marmorierter Oberfläche und ein paar Sprenkeln braun und grün dazwischen. Wie eine Murmel, die man sich gerne in die Hosentasche stecken würde, eine kleine Welten-Zuflucht für einen kurzen Verschnaufer im Alltagschaos. Der Satellit im All jedoch, auf die Betrachtung aus gnadenloser Nähe ausgelegt, fokussiert weiter. Die Gebirge kristallisieren sich an der Erdoberfläche heraus, wie Falten in einem alten, allwissenden Gesicht. Langsam verkleinert der Satellit seinen Abtastungsradius und hat einen bestimmten Bereich im Visier. Eine ganzer Staat mit einem einzigen Auge gesehen. Unten auf den Kontrollschirmen der Bevölkerung bemerkt man einen erleuchteten Bereich. Es ist eine Ballungsregion, voll von Menschen.

Die Flüsse, schwarze Linien in dem kunterbunt eingefärbten Bild. Man fällt sich jubelnd in die Arme - das Projekt ist geglückt, man sieht sich selbst von oben herab, die Erde, alles. Der kleine Spion aus dem All erkennt jedoch nicht, wie ein Haus unerleuchtet und verlassen mitten in der Stadt scheint. Wozu auch, wen kümmert es, ob derjenige auf Teneriffa sitzt und seine Cocktails mit aufgespießten Kirschen schlürft, die ihm von netten Mädchen überreicht werden oder ob der Bewohner sich zuhause, in Europa, abplagt, allein mit einer Bierflasche am Tisch sitzt und sich mit Mühe und Not durch den täglich anfallenden Wust aus Papieren, Konflikten und Stress wurstelt? Statistiken sind gleichgültig, Daten sind trocken - einfach nur da, unbeachtet. Man sehnt sich nach dieser praktischen Murmel für die Hosentasche, wenn alles zu viel wird. Erschafft sich eine ganze Phantasiewelt, und für eine Weile ist die Realität vergessen.
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Im Herbst regnete es oft. Zeit, ein wenig zur Ruhe zu kommen, den mentalen Kamin anzuzünden, sich mit ein paar guten Gedankenbüchern davor zu setzen, die Füße zu wärmen und über den Gedanken ein wenig zu sinnieren. Äußerlich gut eingepackt in eine Decke und mit einer warmen Tasse Tee oder Kaffee, innerlich schon ein wenig im Winterschlaf und nicht mehr so voll Elan wie im Sommer, der bisweilen erschöpfend war. Der Regen prasselte gleichförmig gegen die Fenster, man wurde irgendwie von diesem Geräusch hypnotisiert... prassel... prassel... und man verlor sich in Gedanken... Unbeachtet von den vielen außerirdischen Kameras, stand ein Haus mitten in dem Lichtermeer wie eine verloschene Kerze da: klein, unscheinbar - sah man hin, fiel einem eine Unregelmäßigkeit im Straßenzug auf, doch woran es lag, vermochte man nicht zu ergründen und so wichtig war es eigentlich auch nicht. Es war nicht ungepflegt genug um aufzufallen - nun gut. Die Fenster wiesen einen leichten Staubschleier auf, und das Weiß war über die Jahre auch ein wenig ergraut, doch dies war ein natürlicher Prozess, wen kümmerte es? Da niemand dreist genug war, durch den Garten zu laufen und hinter die nur halb vorgezogenen Gardinen zu schauen, sahen sie nicht, wie das Innere ein wahres Eldorado für dicke, nervtötend brummende Schmeißfliegen und ihre Brut war, wie Spinnennetze einen zweiten Vorhang bildeten und wie ein Mensch wie tot zusammengesunken in der Ecke lag. Ihn störten die Fliegen und Spinnen nicht mehr - er hatte sich im Laufe der Zeit daran gewöhnt. Auch die Realität und das grauenhafte Chaos aus Essensresten, Staub und Dreck rund um die Matratze, auf der er hauste, beeindruckten ihn nicht mehr. Chaos war seine ganz eigene Realität. Schon vor langer Zeit hatte er der grauenhaft geordneten Welt abgeschworen, die er täglich erblickte. Der Wahn der Menschen, allem einen Namen zu geben, alles systematisch zu ordnen, alles zu erforschen, die Phantasie Keulen-der-Realität-schwingend in die Ecke zu drängen, vergällte ihm jede Sekunde seines Daseins. Schon in der Schulzeit staunender, stiller Betrachter seiner Umwelt, war er, kaum dass er aus dem Elternhaus geflohen war, ein moderner Hinterwälder, abseits von dem heutigen Schnelllebigkeitswahn geworden, der sinn- und ziellos in den Tag hineinlebte.

Das alles war vier Jahre her gewesen, als ein Vorfall, der wiederum drei Monate zurücklag, ihn endgültig ins selbstgewählte Exil verbannte. Die Erinnerung war wie eine im Entwicklerbad vergessene Fotografie - verlaufen, verwischt, aufgeweicht, doch er wusste immer noch, wie das höhnische, feiste Mondgesicht eines Passanten aussah, der ihm Unflätigkeiten zugezischt hatte, ihn grauenhaft beschimpft hatte, getreten und geschlagen... in diesem Moment hatte er endgültig mit dieser Realität gebrochen, die sich manche in ihren Alpträumen so sehr herbeisehnten. Dieses Kapitel war für ihn passé. Wie so vieles im Leben - ausprobiert und für schlecht befunden, eine vorübergehende Laune, ein Versuch, eine Phase. Weiter nichts. Nun residierte er als König über sein eigenes Reich in diesem leer stehenden Haus, das er fast nie verließ. Wozu? 23 Stunden am Tag saß er in dieser Ecke in fast immer derselben verkrümmten Haltung, die auf Uneingeweihte verkrampft und widernatürlich wirkte und von kleinen Zuckungen begleitet wurde. Kaum vorstellbar, dass diese Existenz zu besonderen geistigen Leistungen fähig sein sollte. In Wahrheit lag er alles andere als bei lebendigem Leibe tot in der Ecke. Angewidert von der Wirklichkeit, flüchtete er sich in die ewigen Hallen seiner Phantasie und begann, sich eine eigene Welt oder vielmehr viele Welten aufzubauen, in denen er so phantastisch leben konnte wie kein anderer.

SZine

Wo der normale Mensch gefesselt von seiner irdischen Existenz war - er schloss die Augen, befahl dem roten Samtvorhang aufzugehen, und lebte auf seiner Bühne, was er sich als Rolle wünschte. Es ging über weite Strecken über bloßes Theaterspiel hinaus, auf unfassliche Weise war er das Stück, das Theater, alles. König tausender Länder, Herrscher über unendliche Heere. Ein allmächtiges Nichts. Wahnphantasien, Rache, Hass, Liebe, Glück, ob gut oder böse, er konnte tun, was ihm beliebte. Und doch kristallisierten sich kleine eigenständige Welten aus dem phantastischen Chaos heraus. Kleinode, die er sich aufbewahrte um zu entspannen und seinem Geist eine kleine Ruhepause zu gönnen. Manche der REALITÄT sehr ähnlich, andere wiederum postapokalyptische Szenarien. Grundverschieden und doch vom Prinzip gleich... Doch seine Existenz blieb nicht ungetrübt. Von Zeit zu Zeit musste er aus seinem mentalen Ozean auftauchen und diesen Körper, der ihn und alle seine Welten beherbergte am Leben zu halten. In diesen Momenten brannte die Realität wie grausames Feuer auf seiner Haut, er fraß gleichgültig etwas, was als Lebensmittel deklariert wurde und zwang sich dazu, ein paar Schlucke Wasser herunterzuwürgen. War nichts mehr da, musste er sich bis zum Geldautomaten quälen, sein Ausbildungskonto plündern und irgendwo Nahrung auftreiben. Jedes Mal, wenn dieses nervenzerfetzende Prozedere endlich vorbei war, schleppte er sich erschöpft zurück und versank in in einen Ohnmachtszustand, den er brauchte um sich von der Realität zu erholen.

Im Spiegel hatte er sich lange nicht mehr betrachtet, aber er konnte sich vorstellen, wie er aussah - verfilztes halblanges Haar, bleich, eingefallene Wangen und voller Dreck - ein Asozialer. Ohne sympathische Wirkung auf andere - doch wozu, er konnte sich so sympathisch oder abstoßend gestalten, wie er wollte... Die Tage schlichen dahin, die Fliegen summten ihr eintöniges Lied, der Staub lagerte sich ab. Passanten kamen und gingen. Ein Stein flog an die hintere Scheibe und wurde von dem Schlafenden als Explosion einer Bombe interpretiert, so dass er in eine andere seiner Welten wechseln musste. Weiter geschah nichts in der Realität, was in seine ganz persönlichen Annalen einging, diese Aufzeichnungen waren gut verwahrt in einer der Hinterzimmer seines Geistes, sicher und weit weg von dem, was er Leben nannte.

Eines Tages war er gerade dabei, einen Geist endgültig aus einer seiner Welten zu verbannen - er störte, und ihm fielen keine Taktiken mehr ein, an ihm vorbei durch die Pforte nach... nun, irgendwohin zu kommen, da ließ er sich von sich selbst überraschen. Natürlich hätte er sich einfach unbesiegbar zusammenphantasieren können, jedoch war es sehr frustierend, ein Held zu sein. Bisweilen brauchte er einfach ein gewisses Quantum an Niederlagen, um sich nicht zu langweilen und um die Geschichten zu Ende zu bringen und Platz für Neues zu schaffen. Der hartnäckige Geist schwebte auf ihn zu und rauschte einfach durch ihn hindurch. Verblüfft setzte er sich auf den Boden seiner Welt und überlegte, warum der Geist so panisch geflohen war - entweder hatte er im Unterbewusstsein an etwas anderes gedacht oder... Er erwachte mit einem zutiefst widerlichen Gefühl von tausend kleinen Beinchen auf seinem Körper. Fliegen. Auf seinen verkrusteten Augenlidern, auf der Stirn, im ganzen Gesicht Fliegen, die krabbelten und summten. Instinktiv kniff er die Augen noch fester zu und setzte sich dann auf.

Das kurz daraufhin einsetzende Schwindelgefühl ließ ihn taumeln. Er war in der REALITÄT. Nicht mehr in seiner Welt. Mit einem leisen Anflug von Ekel wischte er die Fliegen beiseite und sah sich dann im Raum um. Überall Dreck, Staub, Spinnennetze, verrottender Müll, eine Hölle des Chaos. Verschreckt versuchte er sich aus dieser Welt wieder in seine gewohnte Umgebung zu versetzen. Das Summen der Fliegen dröhnte in seinen Ohren und ebbte dann langsam ab, als die Realität durch.. irgendetwas ersetzt wurde. Er schwamm? Flog? Schwebte in einer grauen Leere, die für die Augen nur schwer zu ertragen war, konnte mit Mühe an sich selbst hinuntersehen, aber sonst... nichts. Er schaute sich erstaunt um. Es war gewiss nicht die Realität, aber auch nicht etwas, was er sich vorstellte... oder? Seine Gedanken sprangen hin und her und warfen ihn beinahe wieder zurück. Dann sah er wie eine Rettungsleine eine Kette in seiner Hand. Je mehr er sich darauf konzentrierte, desto größer war sie... je mehr Gedanken ihm im Kopf herumschwirrten, desto schneller wuchs sie... wahrhaftig, eine Gedankenkette. Ungläubig drehte er sie eine Weile hin und her und merkte dann, dass sie ein gespenstisches Eigenleben führte. Sie rasselte und klirrte, fiel in Wellen und Schleifen bis irgendwohin - ein Boden? Ein Nichts? Und begann sich dann langsam um die Handgelenke zu schlingen, kroch an den Armen durch und fesselte ihn immer mehr. Wie gelähmt stand er da und beobachtete, wie die Kette ihr Werk fortsetzte.

Mittlerweile schien jede Bewegung unmöglich, seine Gedanken hatten ihn endgültig eingekerkert. Die graue Leere verschwand nun und wurde durch eine Serie vor seinen Augen aufflackernden Bildern ersetzt, zu schnell um mehr als einen Wechsel zu registrieren... auf einmal zerfloss die unheimliche Diashow und er sah ein zerstampftes, verbranntes Schlachtfeld... der Anblick war ihm unerträglich und er richtete seine Gedanken nur darauf, weiterzukommen, zu verschwinden... Schließlich entstand die Realität vor seinen Augen wieder auf, das Chaos, der Dreck, die Realität in der er nicht leben konnte. Er versuchte sich erneut zu wehren, doch dieses Mal war er endgültig gefangen, und er merkte, wie seine Welt langsam zu Ruinen zerfiel und verging. In grauenhaftem Entsetzen gefangen starrte er nun auf das, was von ihm und seinen Gedanken übrig war, auf das Wrack, bei lebendigem Leib tot und starr, sein ganz persönliches Schlachtfeld - seine REALITÄT.

© by Nevermore

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 Nevermore 03.02.2006 | 4 Kommentar(e) | Antworten

 

 


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